ĄZiel des Lebens ist es, Menschen zum Erblühen zu bringen. Heute scheint man mehr damit beschäftigt, Sachen zu perfektionieren."

Anthony De Mello





Lili Löbl - Beim Betreten der Grundschule in Budapest, an der ich 8 Jahre lang erste Erfahrungen mit Schulpädagogik machen durfte, konnte man hinter manchen Türen "Musik" hören. Die Glücklicheren durften, wenn sie die Schule zufällig während meines Unterrichts bei Lili Löbl (ich kannte sie damals als Lili Váczi) betraten, ihren Weg ohne Warten - und die damit verbundene Lärmbelästigung - zum Zielort verfolgen. So sind die ersten 6-7 Jahre meines musikalischen Werdeganges vergangen.

Selbstverständlich hatte Lili Löbl keine Schuld daran, daß ich nichts konnte. Ich hatte, wie man es zu sagen pflegt, einfach keinen Bock. Daß ich Jahr für Jahr trotzdem eine sehr gute Benotung für meine musikalischen Schandtaten bekam, ist eher einem System anzulasten, das Musik(alität) als eine erlernbare technische Aufgabe betrachtet.

Ich mochte Lili Löbl. Ihre Interpretation der Mondschein-Sonate bleibt für immer eine meiner schönsten Erinnerungen an diese (un)musikalische Epoche meines Werdeganges. Denn schon damals wußte ich, wie man eine zum Tode vorverurteilte Klavierstunde zu einem schönen Erlebnis umwandelt. Ich packte die Noten aus und bat sie, zu spielen. Sie spielte mir immer die ganze Sonate vor und ich habe sie genossen. Ob sie ein guter Pädagoge war? Nun, ich wußte damals so wenig über diese Dinge, daß ich mir nichts anmaßen darf. Immerhin, sie erzählte mir, sie habe auch Gábor Presser, den für mich bis heute besten Rockmusiker, den das kleine Land, Ungarn, jemals hervorbrachte, unterrichtet. Und wer Presser nur einmal hat spielen hören, wird mir zustimmen: kaputt hat sie ihn sicherlich nicht gemacht.


Ich war ungefähr 14 Jahre alt, als mein Vater beschloß, meine "pianistische" Erziehung künftig einer alten Freundin der Familie anzuvertrauen.


Anna Varjas - eine wundervolle Pianistin. Eine gebrochene Karriere im 2. Weltkrieg. Heimkehr aus dem KZ mit einem bleibenden Gehschaden und Amnesie. Paar Jahre später Gewinner des Sonderpreises beim Chopin Wettbewerb in Warschau. Meine schönsten Klavierstunden überhaupt durfte ich bei ihr erleben. Zum Zeitpunkt unserer Begegnung habe ich noch zwangsweise, mit Winnetou auf dem Notenständer, "geübt" und gespielt habe ich schrecklich schlecht. Zur Rettung benutzte ich die altbewährte Methode: ich bat sie - uns beiden zuliebe, statt des Unterrichts mir vorzuspielen. Und dann kamen die b-moll Sonate, die f-moll Fantaisie und andere Werke von Chopin, die meine Klangwelt bis an mein Lebensende prägen werden. Wenn sie je gewußt hätte, wieviel ich ihr zu verdanken habe. Und, als ich mit 17 den Geistesblitz, Klavier studieren zu wollen, erlitten habe, hat sie mir ermöglicht, bei Rados zu lernen...


Ferenc Rados - der Mann, der aus mir einen denkenden Menschen gemacht hat. Ich könnte über ihn Seiten voll schreiben. Ein Jahr bei diesem Menschen, dem ich beinahe alles zu verdanken habe. Musik entsteht aus musikalischen Atomen und, um Musik machen zu können, müssen wir diese und die Gesetze derer Chemie kennen. Die Struktur dieser Chemie läßt sich von uns nur beeinflussen, wenn wir sie auch auf klassische Weise "richtig" anordnen können. Er hat diese Worte nie ausgesprochen. Ich habe aber gerade das bei ihm lernen dürfen. Technik ist, wenn man diese Gesetze beim Musizieren allersamt einzuhalten vermag. Und Kunst ist, wenn der Zuhörer nichts davon bemerkt, dafür aber die emotionale und intellektuelle Aussage, kurz formuliert: das "Leben" hinter den Tönen.

Entsprechend hoch stand anschließend die von mir selbst gesetzte Meßlatte. Wie hätte ich diesen Anforderungen genügen können? Das Schlimmste, was mir dabei passierte, war, daß ich nach dem ersten Unterricht bei Rados wußte, daß ich nichts wußte, nichts konnte. Das war aber gerade das Gute dran. Ohne die bei ihm erworbenen Er/Kenntnisse hätte ich mir den Rest sparen können. Ein Jahr, der richtige Mensch im richtigen Moment. Er hat mir beigebracht, wie ich mich für den Rest meines Lebens alleine weiter unterrichten kann. Kann man sich mehr wünschen?

Nebenbei, Werke von Bach, Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, Schumann, etc., die ich bis heute so von niemand anderem gehört habe. Ein Künstler, der sich selbst genauso wenig schont, wie seine Schüler. Ein Kammermusiker, der für Laien mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet zu sein scheint, ein musikalischer Partner, von dem man nur träumen kann. Und - sollte dies eventuell jemandem seiner "Kenner" je entgangen sein: er war, ist und bleibt ein ganz normaler Mensch, der trotz seiner "Eigenarten" nie etwas Anderes sein wollte.


Zoltán Benkö - die ideale "Ergänzung" nach einem Jahr Rados. Ein exzellenter Pianist - siene Einspielung der Sonatine von Boulez mit dem Flötisten, József Matúz, würde ich als legendär bezeichnen. Ich durfte das Stück auch live mit Benkö und Matúz erleben...

Wen braucht man nach Rados? Jemanden, der dich daran erinnert, in welchem Moment das Grübeln aufzuhören und der künstlerischen Konzentration zu weichen hat. Der dir das Mittel in die Hand gibt, dein Wissen und Können auch zeigen zu können. Der dir dein künstlerisches "Selbstbewußtsein" wieder gibt. Der dich verstehen läßt, daß es Arbeit vor und nach dem Konzert gibt und nicht während des Konzerts.

Leider vergaß ich später diese Lehre manchmal, genauso, wie Benkö's Art, das Instrument anzufassen, die Tasten anzuschlagen. Erst nach ca. 30 Jahren - inklusive 21 Jahre musikalischer "Abwesenheit" - verstand ich Manches, was und wie er gemeint hat. Es ist nie zu spät... Außerdem konnte ich bei ihm, anhand seiner herausragenden bildhaften Beschreibungen, bei all den Stücken, die ich bei ihm lernen durfte, deren Stimmung und Klangwelt ergründen und manchmal sogar in meiner eigenen Interprätation wieder finden.


Tamás Fülep und Doris Konrad - haben meinen Weg - mit einer Unterbrechung von 1,5 Jahren (Arbeit am Volkstheater Budapest und Emigration in 1982 nach Deutschland) - in den nächsten 8 Jahren geebnet. Fülep, der mich an der Musikhochschule in Budapest unterrichtete und Frau Konrad, die nach einer regen Konzerttätigkeit mit Stationen wie Carnegie Hall in Duisburg eine Professur annahm, rechne ich hoch an, daß sie zu keinem Zeitpunkt versucht haben, mich als Musiker zu verändern. (Wenn ich bedenke, daß ich auch schon mal von Professoren hörte, die den Studenten förmlich vom Podium holen wollten, weil dessen Interprätation nicht ihrer musikalischen Auffassung entsprach...) Sie haben meine technischen Schwächen nie durch unlösbare Aufgaben beheben wollen, anders formuliert: sie haben mein Selbstwertgefühl einerseits nicht zerstört, andererseits auch keinen pädagogischen Unsinn mit mir getrieben, wie beispielsweise für jeden Unterricht eine neue Etüde von Chopin aufgeben. So wurde ich zwar kein "Virtuose", durfte jedoch ein "nur" normaler Mensch mit einer gewissen musikalischen Begabung sein.

(Man möge glauben oder nicht: es erfordert menschliche Größe, wenn ein Pädagoge nur lehren will, anstatt beispielsweise sich selbst in seinen Schülern zu verwirklichen. Er wird vielleicht keine Preisträger herausbringen. Na, und? In der Kunst geht es - auch, wenn man am Ende verhungert - nur sehr bedingt um die "Leistung". Man tut es allein für die Seele, damit man selbst und seine Wegbegleiter - damit meine ich auch sein Publikum - sich menschlich weiter entwickeln. Ich bitte um Entschuldigung wegen dieser nicht zeitgemäßen Entgleisung...)

So durfte ich mich in Ruhe entwickeln ohne mich selbst zu zerstören, wovon ich später - dank meiner selbstkritischen Arbeitsweise - ab und an nicht allzuweit entfernt war. Auch nach sovielen Jahren empfinde ich ewige Dankbarkeit.


Andere Menschen haben auch einen großen Einfluß auf meine Entwicklung gehabt. Manche durch ihre Kunst, andere durch gezielte Sätze, die bei mir - Gott sei Dank - im Richtigen Moment angekommen sind. Beispielsweise meine Didaktiklehrerin an der Hochschule in Budapest, Marianne Teöke. Sie hat mir beim Unterricht ein einziges Mal zugehört - interessanterweise ausgerechnet dann, als ich mir - wiederum zum ersten und einzigen Male in meinem Leben - vorm Vorspielen ein Gläschen Alkohol erlaubt hatte. Beethoven war das Opfer, das Ergebnis war angesichts der Umstände eigentlich halbwegs glimpflich. Sie schaute mir in die Augen und sagte: "Die Zeit... ...die Zeit ist ein großer Herrscher." Andere hatten sicherlich auch schon mal versucht, mir Ähnliches zu sagen. Sie hat aber den richtigen Moment erwischt. Wie der Blitz aus heiterem Himmel, schlug mir der Gedanke ein: man muß, wie bei allem, was man tut, einfach "atmen". Und Atmen ist nichts, was man korrekt zu machen hat, es ist etwas, was für einen jeden etwas Anderes bedeutet. Danach mußte ich lediglich meinen eigenen "Atem" finden und - vor allem - mich trauen, ihn zu nutzen.

István Antal, einer der ganz Großen einer nicht mehr existierenden Generation, hat sich auch einmal die Zeit genommen, meine Künste über sich ergehen zu lassen. Ich zündete die Straßenwalze und besorgte ihm anschließend die vermutlich atemberaubendsten 10 Minuten seines Lebens, mit der Darbietung einer fis-moll Polonaise, glühend und leidenschaftlich, überwältigend - hab' ich überhaupt etwas augelassen? Weniger dichterisch hätte es geheißen: wie der Elefant im Sturzflug. Es war gar nicht soooooo übel. Er sagte nur: "Nicht einmal die Formel-1 Fahrer fahren immer mit über 200 Sachen." Antal, der angeblich nicht allzuviel seines enormen musikalischen Könnens freiwillig weiter geben wollte, hat mir mit diesem Satz so viel geholfen, daß ich ihm gegenüber tiefste Dankbarkeit empfinde. Man möge denken, es sei doch nichts Besonderes. Es ist aber nicht so einfach: du kannst beinahe alles heilen, aber du mußt für dieselbe Krankheit für jeden Menschen unter Umständen etwas Anderes und vor allem in anderer Dosierung verabreichen (Rados hat das einmal anhand der Akupunktur erklärt). Nun, Antal hat getroffen, den Heilungsprozeß durfte ich dann selbständig antreten.

Homero Francesch hat mich nie unterrichtet. Seit Juni 2011 (Meisterkurs - 5. Viersener Musiksommer) gehört er trotzdem zu denjenigen Menschen, denen ich viel zu verdanken habe. Seine Art, angehende Pianisten menschlich, musikalisch und pianistisch zu betreuen, erinnert mich sehr stark an Rados. Natürlich gibt es zwischen ihnen - teilweise deutliche - Unterschiede, aber in einem ähneln sie sich ungemein: der kleinste Sandkorn im Getriebe wird unter die Lupe genommen und, was ebenso wichtig ist, er zeigt uns auch den Weg, wie man diesen loswerden kann. Nichts entgeht seiner Aufmerksamkeit und er gibt nie auf, egal, wie viel Zeit, wie viele Versuche er dazu braucht, Ungereimtheiten im Spiel seiner Schüler zu beseitigen. Was am Ende bleibt, ist reinste Kunst - die auch er selbst als Pianist seinen Zuhörern zu vermitteln weiß. Ich habe ihm zu danken, weil er mich als Zuhörer bei diesem Kurs in meiner Auffassung zu stärken wußte, daß dieser schonungslose, oft selbstzerfleischende Weg des Lernprozesses der einzig Richtige ist - auch, wenn man eventuell nie zum Ziel gelangt.


Es gab noch Künstler der "alten Generation", Stanislav Neuhaus, Alexander Brailowsky, Jan Panenka, um nur einige zu nennen. Ihre Plattenaufnahmen (Neuhaus' und Brailowsky's Chopin, Panenka's Grieg-Konzert) habe ich bis heute als "Referenzaufnahmen" in Erinnerung. Nein, ich kenne auch Rubinstein, Richter, Pollini, Gould und schätze ihre Kunst tief. Zu bestimmten Zeiten meines Lebens waren sie sogar meine Vorbilder. Es ist jedoch, wie die Liebe. Die Menschheit wäre schon längst ausgestorben, wenn alle dieselbe Person lieben würden. Heute (eigentlich schon seit Längerem) ist Emil Gilels der "Auserwählte", aber, um seine Kunst würdigen zu können, mußte ich erst Einiges an Lebenserfahrung gesammelt haben. Und es gibt noch Namen, viele Namen, von denen man selten oder gar nicht spricht. Zum Beispiel Inger Södergren. Oder etwas berühmtere Personen, wie Cecile Licad oder Svetlana Navassardian. Nicht so berühmt, wie die "ganz Großen"? Wichtig ist lediglich, ob ihre Kunst den Weg in dein Herz findet. Übrigens, das II. Klavierkonzert von Rachmaninov habe ich seit Rudolf Kerer von niemandem so gehört, wie von Navassardian. Schon wieder ein neuer Name: Rudolf Kerer. Ja, es gibt viele. Ich liebe auch Bashkirov's Chopin Mazurkas, Schiff's Schubert, Babayan's Rachmaninov, Hamelin's humorvolle, jedoch tiefe Genialität, Kissin's Klavierspiel. Oder kennt jemand die f-moll Fantaisie von Chopin in der Interprätation von Andrei Yusupov? Oder die Kunst einer Amy Yang? Sie wird vermutlich nie einen Wettbewerb gewinnen. Und? Pogorelich ist rausgeflogen in Warschau, Horowitz und Gould, oder Olli Mustonen, den ich verehre, wäre es sicherlich nicht anders ergangen. Und wenn ich Yang zuhöre, hege ich die Hoffnung, daß man über sie eines Tages als eine der ganz Großen sprechen werde.

In letzter Zeit beobachte ich bei mir ein immer stärker werdendes Bedürfnis, noch so viele Künstler zu erwähnen. Martha Argerich zum Beispiel. Je älter ich werde, desto mehr packt mich ihre Kunst. Oder Maria João Pires und Yefim Bronfman, dessen Kunst mich, seitdem ich seine zutiefst bewegende Aufnahme von Rachmaninov's Klavierkonzert No. 3 auf YouTube gehört habe, zu einem seiner größten Verehrer gemacht hat.

Aber es geht hier keineswegs um eine Rang/Liste. Ich kann mich nur entschuldigen bei all den Anderen, deren Namen hier nicht auftauchen. Es gibt viele, die ich nicht kenne, andere fallen mir nicht im richtigen Moment ein oder ich finde einfach keinen inneren Bezug zu ihrer Kunst. Wer auch immer diese Zeilen lesen mag, wird mich dadurch ein bißchen besser kennen, bekommt jedoch keinen künstlerischen Wegweiser. Wie denn auch?...